Achtsames Leben

Atemübungen und Stress: Was die Forschung über kontrolliertes Atmen sagt

6 Minuten Lesezeit · 16. Aug. 2025

Sophia Martinez

Sophia Martinez

Eine Wellness-Forscherin, die sich auf evidenzbasierte Erkenntnisse konzentriert.

Über den Autor

Atemübungen und Stress: Was die Forschung über kontrolliertes Atmen sagt

Atmen ist die einzige autonome Körperfunktion, die man bewusst steuern kann — weshalb Meditationstraditionen ihr seit Jahrtausenden eine zentrale Rolle zuschreiben. Die moderne Frage ist, ob kontrolliertes Atmen messbare physiologische Veränderungen bewirkt — und die Antwort, gestützt auf kontrollierte Studien, lautet: ja. Die sinnvollere Frage lautet: Welche Techniken erzeugen in welcher Dosierung welche Wirkungen?

Person übt Zwerchfellatmung zur Stressreduktion

Was die Forschung zeigt

Eine randomisierte Studie von 2017 von Ma et al., veröffentlicht in Frontiers in Psychology, teilte 40 Erwachsene acht Wochen lang entweder einer Gruppe mit Zwerchfellatmungstraining oder einer Kontrollgruppe zu. Die Atemgruppe zeigte im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant niedrigere Cortisolspiegel, geringere Werte für negativen Affekt und bessere anhaltende Aufmerksamkeit in kognitiven Tests. Die Forschenden schlossen daraus, dass regelmäßige Zwerchfellatmung physiologische und psychologische Stressmarker senkt — allerdings war die Stichprobe klein und überwiegend gesund, was die Übertragbarkeit auf klinische Stresserkrankungen einschränkt. Source: PubMed PMID:28890707

Ein Review von 2018 von Zaccaro et al., veröffentlicht in Frontiers in Human Neuroscience, untersuchte systematisch 15 Studien zu langsamen Atemtechniken (üblicherweise definiert als weniger als 10 Atemzüge pro Minute) und deren Auswirkungen auf das autonome Nervensystem. Das Review fand konsistente Belege dafür, dass langsames Atmen die Herzratenvariabilität (HRV) erhöht — einen zuverlässigen Marker für parasympathische Aktivität und Stressresilienz — und Blutdruck sowie Atemfrequenz senkt. Die Effekte waren am stärksten bei einer Atemfrequenz von etwa 6 Atemzügen pro Minute (ungefähr 5 Sekunden Einatmen, 5 Sekunden Ausatmen). Source: PubMed PMID:30076901

Eine Studie von 2016 von Gerritsen und Band, veröffentlicht in Frontiers in Human Neuroscience, schlug einen schlüssigen physiologischen Mechanismus für die Wirkung von Atemübungen vor: Langsames Ausatmen aktiviert den Vagusnerv durch mechanische Stimulation der pulmonalen Dehnungsrezeptoren und löst so einen parasympathischen Tonus aus. Die Forschenden stellten fest, dass insbesondere die Ausatemphase — nicht nur die Gesamtatemfrequenz — die kardiovaskuläre Verlangsamungsreaktion zu treiben scheint. Source: PubMed PMID:29372479

Eine randomisierte Studie von 2023 von Balban et al., veröffentlicht in Cell Reports Medicine, verglich direkt drei Atemtechniken mit Achtsamkeitsmeditation bei 114 Teilnehmenden über einen Monat. Getestet wurden zyklisches Seufzen (verlängertes Ausatmen), Box-Breathing (gleichmäßiges Einatmen-Halten-Ausatmen-Halten) und zyklische Hyperventilation (Wim-Hof-Stil). Alle drei Atemtechniken reduzierten Angst und negativen Affekt stärker als Achtsamkeitsmeditation; zyklisches Seufzen — eine Technik mit besonders langem Ausatmen — erzielte die größten Stimmungsverbesserungen und die stärksten Reduktionen der Ruheatemfrequenz. Source: PubMed PMID:36858760

Aktivierung des Vagusnervs durch kontrollierte Atmung und parasympathisches Nervensystem

Was das in der Praxis bedeutet

Das Ergebnis von 6 Atemzügen pro Minute ist sofort anwendbar. Ein einfaches Zählen von fünf Sekunden beim Einatmen und fünf Sekunden beim Ausatmen erzeugt die Resonanzfrequenz, die bei den meisten Erwachsenen die Herzratenvariabilität maximiert. Weder App noch Spezialausrüstung sind nötig — ein Timer reicht. Source: PubMed PMID:30076901

Verlängertes Ausatmen scheint besonders wirksam zu sein. Die Balban-Studie 2023 zeigte, dass zyklisches Seufzen — ein doppelter Naseneinzug gefolgt von einem langen Mundausatmen — unter allen getesteten Techniken die stärksten Verbesserungen bei Stimmung und Angst hervorrief. Dieses Protokoll dauert nur fünf Minuten täglich. Source: PubMed PMID:36858760

Die Effekte sind sowohl akut (unmittelbar) als auch mit regelmäßiger Praxis zunehmend dauerhaft. Das Acht-Wochen-Protokoll von Ma 2017 zeigte, dass regelmäßige Praxis den Baseline-Cortisolspiegel veränderte — nicht nur die momentane Ruhe. Das legt nahe, dass Atemübungen auch außerhalb stressiger Momente sinnvoll sind, nicht allein als Krisenintervention. Source: PubMed PMID:28890707

Atemübungen sind keine Behandlung klinischer Angststörungen oder Panikstörungen. Für diese Erkrankungen verfügen kognitive Verhaltenstherapie und Pharmakotherapie über eine deutlich umfangreichere und robustere Evidenzbasis. Kontrolliertes Atmen ist ein nützliches ergänzendes Werkzeug — insbesondere als tägliche Selbstregulationspraxis — sollte aber keine professionelle Behandlung diagnostizierter Erkrankungen ersetzen.

Fünfminütige tägliche Atemübung mit einem einfachen Timer

Häufige Mythen — was die Forschung zeigt

Mythos: Tief atmen bedeutet, so viel Luft wie möglich einzuatmen. Hyperventilation — sehr große, schnelle Atemzüge — senkt tatsächlich den CO2-Spiegel, was Schwindel, Kribbeln und paradoxerweise mehr Angst auslösen kann. Die Forschung zur kontrollierten Atmung zeigt konsistent, dass langsamere, maßvollere Atemzüge (6 pro Minute) die gewünschten kardiovaskulären und angstlösenden Effekte erzeugen. Nicht die Tiefe, sondern die Langsamkeit zählt. Source: PubMed PMID:30076901

Mythos: Alle Atemtechniken wirken gleich gut. Die Balban-Studie 2023 zeigte bedeutsame Unterschiede zwischen den Techniken: Muster mit verlängertem Ausatmen (zyklisches Seufzen) übertrafen die gleichmäßige Atemtechnik und die zyklische Hyperventilation bei der Reduktion von negativer Stimmung und Angst. Der physiologische Mechanismus — die ausatmungsgetriebene Vagusaktivierung — erklärt, warum ausatmungsbetonte Muster tendenziell besser zur Stressreduktion wirken. Source: PubMed PMID:36858760

Mythos: Atemübungen helfen nur in dem Moment, in dem man sie praktiziert. Die Acht-Wochen-Studie von Ma 2017 maß Cortisolspiegel im Nachhinein (nicht nur während der Atemsessions) und stellte fest, dass Teilnehmende, die regelmäßig Zwerchfellatmung praktiziert hatten, einen niedrigeren Baseline-Cortisol als die Kontrollgruppe aufwiesen. Das deutet auf eine anhaltende physiologische Anpassung hin — nicht bloß einen kurzfristigen Entspannungseffekt. Source: PubMed PMID:28890707

Einstieg: Wie eine einfache Übung aussieht

Das 6-Atemzüge-pro-Minute-Protokoll erfordert keinerlei Ausrüstung. Stellen Sie einen Timer auf fünf Minuten. Atmen Sie langsam durch die Nase ein und zählen Sie dabei bis fünf, dann atmen Sie langsam durch den Mund aus und zählen bis fünf. Wenn Ihre Gedanken abschweifen, ist das normal — kehren Sie einfach zum Zählen zurück. Das Ziel ist nicht tiefes Atmen im Sinne maximalen Volumens, sondern langsames, kontrolliertes, gleichmäßiges Atmen. Die meisten Menschen empfinden es bereits nach den ersten zwei Minuten als beruhigend, während es in den ersten Einheiten leicht unangenehm sein kann (der Drang, schneller zu atmen).

Die zyklische Seufztechnik aus der Balban-Studie 2023 ist etwas anders: Nehmen Sie einen normalen Naseneinzug, dann einen zweiten kurzen Naseneinzug oben am Atemzug, um die Lungen vollständig zu füllen, gefolgt von einem langen, langsamen Mundausatmen bis die Lungen vollständig entleert sind. Wiederholen Sie das fünf Minuten lang. Diese Technik maximiert gezielt die Ausatemdauer im Verhältnis zur Einatemdauer, was die stärkste parasympathische Antwort erzeugt. Source: PubMed PMID:36858760

Fazit

Kontrolliertes Atmen gehört zu den am besten belegten Werkzeugen zur Stressbewältigung — günstig, zugänglich und mit einem schlüssigen physiologischen Mechanismus. Langsames Atmen mit etwa 6 Atemzügen pro Minute erhöht zuverlässig die Herzratenvariabilität und senkt akute Stressmarker. Techniken mit verlängertem Ausatmen zeigen besonderes Potenzial. Fünf Minuten täglicher Praxis scheinen ausreichend zu sein, um über mehrere Wochen Veränderungen in der Baseline-Stressphysiologie zu bewirken. Das ist kein Ersatz für professionelle Versorgung bei klinischer Angst oder Trauma — für die alltägliche Stressregulation ist die Wirksamkeit jedoch gut belegt.

Quellen

  1. Ma X et al. The effect of diaphragmatic breathing on attention, negative affect and stress in healthy adults. Frontiers in Psychology. 2017. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28890707/
  2. Zaccaro A et al. How breath-control can change your life: a systematic review on psychophysiological correlates of slow breathing. Frontiers in Human Neuroscience. 2018. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30076901/
  3. Gerritsen RJS, Band GPH. Breath of life: the respiratory vagal stimulation model of contemplative activity. Frontiers in Human Neuroscience. 2018. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29372479/
  4. Balban MY et al. Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine. 2023. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36858760/

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